Leben

Jahreszeitentisch im Herbst: Gefilztes Hagebuttenmädchen

Gerade während ich diese Zeilen schreibe, weht mir ein laues Lüftchen um die Nase, scheint mir die Sonne ins Gesicht und präsentiert sich der Himmel im tiefhimmelblausten Tiefhimmelblau – habe ich eigentlich schonmal gesagt, dass der September mein liebster Monat ist, und der Herbst meine liebste Jahreszeit? Abgesehen von meinen heißgeliebten Eintöpfen und Schmorgerichten, auf die ich mich in der kühleren Jahreszeit wieder freue, gibt es eine Sache, die alljährlich, wenn die Tage langsam kürzer werden, so sicher wiederkehrt wie das Amen in der Kirche: Ich nenne es meinen „wollbasierten Handarbeitsanfall“. Ich bekomme eine unbändige Lust, irgendwas aus Wolle herzustellen, packe die Stricknadeln aus und fange an zu klackern. Für jemanden wie mich, der nur glatte Maschen strickt und Angst vor Strickschriften hat, ist das dann aber auf Dauer doch so ein langweiliges Unterfangen, dass der Schal – ich stricke immer Schals, vielleicht weil ein Schal doch irgendwie der Inbegriff von Selbstgestricktem ist – unfertig wieder in der Versenkung verschwindet. So schleppe ich also schon seit Jahren immer dieselbe Kiste mit der derselben Wolle mit mir herum und nie ward je ein Familienmitglied mit einem von mir selbstgestrickten Schal gesehen.

Dann begann mein Filztrip. Der Nadelfilztrip. Mit Bergen von samtweichem Merinokammzug. Und das kam so: Wir sind viel draußen und unsere Tochter hat einen ausgeprägten Sammeltrieb. Jetzt im Herbst schleppt sie alles an, das im Wald nicht mehr fest am Baum hängt, ich bekomme aber spätestens nach dem dreiundzwanzigsten Kastanienmännchen mit Eichelhut und Bucheckerkörbchen neurologische Auffälligkeiten. Deswegen suchte ich nach einer anderen Lösung, wie wir ihre Fundstücke würdigen und präsentieren können, und bin dabei auf Jahreszeitentische gestoßen. Jahreszeiten und Jahresfeste lassen sich auf einem Jahreszeitentisch mit allem, was die Natur zur jeweiligen Zeit gibt, superschön und kindgerecht darstellen, man kann Figürchen dazustellen, Bilder oder Basteleien. Eine schöne Idee, wie ich finde, mit einem durchaus tieferen Sinn. Denn so selbstverständlich früher das Leben im Rhythmus mit der Natur im Jahreskreis war, so schwierig ist es heute für manche Eltern (so sie denn überhaupt Wert darauf legen), den Kleinsten zu verklickern wie dieses Gefüge funktioniert und was dahintersteckt.

Unser Jahreszeitentisch wird uns jetzt also in nächster Zeit begleiten, es kommen immer ein paar Sachen dazu, während andere sich dann bis zum nächsten Jahr verabschieden. Weil ich meiner Tochter gesagt habe, dass alle Playmobil-, Peppa Wutz- und Conni-Figuren beim Überschreiten der magischen Jahreszeitentischschwelle in Schutt und Asche zerfallen und sich zeitgleich dann auch sämtliche Gummibärchen im Süßigkeitenschrank in Luft auflösen, ist der Jahreszeitentisch erfreulich plastikfrei. Damit das auch so bleibt, steuern wir nach und nach ein paar schöne passende Figuren bei und, tätärätäääh, hier sind wir wieder beim Filzen.

Filz war mir jahrelang suspekt, ich mochte das oft kratzige Material nicht, irgendwie war es mir zu bunt, zu öko und ich hatte das Gefühl, wenn allzu viel Gefilztes Einzug in meine Wohnung hält, ist es mit der Glaskugel auch nicht mehr weit und mein Mann verwandelt sich in eine schwarze Katze.
Mit den mütterlichen Gefühlen kam jedoch der mysteriöse Wandel, ich fand kleine Filzfigürchen auf einmal ziemlich niedlich, die Wolle flauschig-fein und wollte unbedingt mal selbst ausprobieren, eine Figur mit der Nadel zu filzen. Nach ein paar Anfangsspirenzchen und einem bis zum Ellbogen durchlöcherten Unterarm kann ich jetzt tatsächlich sagen: Nadelfilzen is THE Thing für mich, um in diesem Jahr meinen herbstlichen Handarbeitsanfall bestmöglich auszuschöpfen.

Jüngst habe ich für unseren Jahreszeitentisch im Herbst also das kleine Hagebuttenmädchen hier gefilzt, zur riesengroßen Freude meiner Tochter, weil Hagebutten bei ihr zur Zeit äußerst hoch im Kurs stehen und „Ein Männlein steht im Walde …“ jetzt gottseidank auch die Kikaninchen-Pupspolka abgelöst hat. Das kleine Püppchen wird rege bespielt und chillt ansonsten auf der Baumrinde.
So, jetzt gab es heute kein Rezept, keine Anleitung und nicht mal ein Update zum Hausbau, aber hey, ihr wisst jetzt, dass ich nicht stricken kann. 🙂

4 Comments

  • Micha

    Wie niedlich! Ach, ich stehe ja auf die Waldorf-Spielsachen mit ihren Naturmaterialien (ist das davon inspiriert?). So oder so sind deine Hagebuttenmädchen ganz liebreizend! Und ich freue mich schon, was du in Zukunft für den Jahreszeitentisch (und uns!!) aus Bucherckern,Haselnüssen,Walnuss-Schalen,Kiefernzapfen und Konsorten noch alles bastelst und zum Leben erweckst! viele bises…

    • Christina

      Genau, das ist frei nach Waldorf. Ich finde die Ansätze für kleine Kinder sehr schön und mit fällt tatsächlich nichts ein, mit dem man den Wechsel in so nem kleinen Kinderzimmer besser darstellen kann. Da wird sicher noch der ein oder andere Filz- und Waldorfspam kommen. 😉 Gibt´s in Frankreich eigenltich auch Waldorf-Kigas und -Schulen, frag ich mich grad?

  • Sandra

    Cool, Filzen will ich auch gern. Ich kann halt nicht nähen oder Stricken und Filzen geht ja auch ohne nähen. Deshalb dachte ich neulich, das wird mein Hobby!
    Ist das Hagebuttenmenschchen genäht oder ohne nähen entstanden?
    Habe mir mal ein Paar „ Pretty Owls“ von Rex bestellt und will damit beginnen- hast Du Tipps für Anfänger? Unterarmbandage mit Stahlplatte hab ich schon notiert 😉
    Und Filz ist ja nicht billig- wo besorgst Du Deinen?
    Danke schonmal und Frohes Filzen noch! Sandra

    • Christina

      Hihi, bin ja auch noch Anfänger, aber ich würde sagen die Unterarmbandage mit Stahlplatte ist tatsächlich das Wichtigste! Und die Filzunterlage nicht vergessen, sonst brauchst du Bandagen und Stahlplatten auch für die Beine. 😀
      Das Hagebuttenmädchen ist komplett gefilzt, ich habe den Stab und die Ärmchen mit Pfeifenputzer unterstützt. Die Wolle hab ich anfangs in der Handarbeitsabteilung im Kaufhaus gekauft, aber, wie Du sagst, ziemlich teuer. Jetzt hab ich neulich mal bei Trolle & Wolle bestellt (muss ich das jetzt als Werbung kennzeichnen? Ok, Werbung! :-D) und bin ganz begeistert. Da bekommt man schöne 100g-Knoten für wie ich finde einen fairen Preis, auch mit mehreren Farben gleichzeitig, und für so ein Püppchen braucht man ja nicht viel. Und für mich wichtig: Die Wolle kommt aus kontrollierten Abgabestellen, die nicht das brutale Mulesing bei ihren Schafen betreiben (dabei wird den Armen rund um den Pobbes die Haut ohne Betäubung weggeschnitten, um Madenbefall zu vermeiden, grausam). Viel Spaß und gleichfalls frohes Filzen!

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